Vereinsgeschichte

Vereinsgeschichte des Scheurener Junggesellenvereines

 

Das Jahr 1856

Seit dem Jahre 1840 regierte der am 15. Oktober 1795 geborene Friedrich Wilhelm IV als König von Preußen und somit auch als Herrscher über die preußischen Rheinlande, zu denen ja nun seit über 40 Jahren die Gemarkung Unkel und damit Scheuren gehörte.

Der „Romantiker auf dem Thron“ hatte zwar eine Vorliebe für den Rhein, aber die zunächst bejubelte Liberalisierung fand ihr Ende in der sogenannten „Revolution“ von 1848, und einige doch sehr restriktive Polizeigesetze bestimmten die Möglichkeiten der Bevölkerung auf dem Lande. Gewiß, mit den Konstablern, die hier leben mußten, ließ sich reden, und Berlin war weit weg.

Allerdings fiel auch die Erfindung des Henry Bessemers, die die Umwandlung des flüssigen Eisens durch Entkohlung in Stahl ermöglicht, genau in das Jahr 1856, und wenn man diese Zeit heute voller Berechtigung als das „Eiserne Zeitalter“ beschreibt, so steht dieser Ausdruck für ein Bürgertum, das seine politische Niederlage in einen wirtschaftlichen Sieg zu verwandeln wußte.

Eisenbahnen, in Preußen nach militärischen Notwendigkeiten geplant und gebaut, verbanden nicht nur mit dem restlichen Deutschland, sondern langsam auch Europaweit.

Innerhalb Preußens verschoben die Bedürfnisse der Industrie ganze Bevölkerungsstämme – Schlesier und Pommern drängten zur Ruhr und – was immer wieder vergessen wird – ins Saarland.

Ein allgemeines Aufblühen der Wirtschaft und damit verbunden der eigenen Unabhängigkeit konnte verzeichnet werden.

Und in diese Aufbruchstimmung hinein wurde der Wunsch der Junggesellen aus Scheuren nach Eigenständigkeit entwickelt. Denn im ersten der zur Verfügung stehenden Kassenbücher ist bis 1856 ein Feiern der Kirmes in Scheuren und in Unkel mit eigenen Veranstaltungen wie heiligen Messen und auch weltlichen Umzügen dokumentiert und in den Ausgaben und Einnahmen festgehalten.

Doch dann nach Seite 51 der gemeinsamen Geschichte beginnt die Selbständigkeit mit den Worten:

 

„Abrechnungsbuch des Junggesellen Vereines von Scheuren welcher Verein den 14ten September, am Fest der Kreuzerhöhung, 1856 sich selbständig bildete. Möge derselbe bestehen und gedeihen unter dem Schutze seiner heiligen Patronen Maria! und Joseph! Amen.“

 

Es folgen auf sieben, in Ziergotik und Sütterlin handgeschriebene Seiten die insgesamt 28 Paragraphen der Satzung dieses Vereines, die in ihrer Wertung die Ernsthaftigkeit und die tiefe Verbundenheit zur katholischen Kirche beweisen, in deren Menschenbild der Verein Werte fand und bewahren wollte.

Die Tatsache, daß gerade diese Seiten starke Nutzungsflecken aufweisen, ist
dann im Paragraphen 28 erklärt, der da lautet:

 

„Sämtliche Paragraphen der Statuten müssen jedes Mal bei Abschluß der Rechnung der gesamten Versammlung sowie auch den neuen Mitgliedern beim Eintritt in den Verein vorgelesen werden, damit dieselben von jedem Mitgliede vollkommen verstanden und jedem Nichtbekanntsein vorgebeugt werde.

Haben wir einen Verein? so müssen wir auch ein Gesetz haben.

Haben wir ein Gesetz? so müssen wir solches auch handhaben.

Handhaben wir es? so kann dasselbe und somit der Verein bestehen.
Jedes ehrliebende Mitglied wird sich gern und bereitwillig demselben unterwerfen.“

 

Dann folgt ein Gedicht, in dem die Vorzüge und Wünsche für ein gutes Gelingen dieses Vereines bekräftigt werden. Und als Stiftungsurkunde darf dann die zweite Hälfte des als Seite 9 gekennzeichneten Blattes gelten, auf dem steht:

 

„Wir alle gegenwärtige Mitglieder des Scheurener Junggesellen Vereines erkennen obigst entworfene Statuten für billig an und erklären hiermit: daß dieselben von heute an in Kraft treten sollen.

Wir machen es uns sämtlich zur strengsten und heiligsten Pflicht: denselben getreulich nachzukommen; und erneuern hiermit: den Nachkommen und unseren Vorfahren; welches wir durch unsere eigenen Namenund Unterschrift unterzeichnen.“

 

Anschließend folgen eine Menge guter alter Namen, denen man im weiteren Verlauf der Geschichte des Junggesellenvereines immer wieder begegnet – und das bis auf den heutigen Tag.

Der Verein war gegründet.

Einen oder auch mehrere Gründe für die Abtrennung lassen sich nicht aus dem Kassenbericht erlesen und nicht begründete Vermutungen über Seiten- oder ortsgebundene Winde will ich nicht in diesen Bericht einfließen lassen.

 

Auf- und Ausbau

Aber was war ein Verein ohne Fahne – und das zur damaligen Zeit und aus der damaligen Tradition her gesehen – ein nacktes Nichts. Und deshalb dokumentieren die nächsten Seiten das Bemühen, Beiträge und Spenden aufzutreiben, um eine Fahne für diesen neu gegründeten Verein kaufen zu können.

Fünf Silbergroschen – ein Sechstel eines Tagesverdienstes – wurden von den Mitgliedern pro Monat erhoben, und da der preußische Taler damals 30 Silbergroschen zählte, heißt das 2 Tagesverdienste im Jahr als Beitrag!!!!

Welch eine finanzielle Belastung, um treu zur Fahne stehen zu können.

Erfreulich war es für den Verein, daß es schon zur damaligen Zeit großzügige Spender gab, und diese kamen nicht nur aus Unkel, sondern auch aus Köln.

Im Oktober 1856 spendete:

 

Herr Etzweiler aus Coeln 3 Taler

Fräulein Junggeburth ” 5 Taler

Herr Doktor Birkhäuser ” 3 Taler

und aus der Scheurener und Unkeler Bevölkerung:

Herr Heinr Aloys Haan von der Hohenburg 5 Taler

und eine Jungfer Ursula Weber aus Scheuren 5.10.0 Taler

All diese Spenden und Beiträge trugen zu einer Ausgabe bei, die unter den „ANNOUTATION“ der Ausgaben erscheint:

 

„1857, Juni, 29., Hermann Joseph Schmitz in Düsseldorf, Rheinörtchen Nr. 1131, für die Malerei der ersten Scheurener Junggesellenverein Fahne 70 Taler. Bei Überbringung derselben, durch genannten Maler, Herrn Schmitz drei Flaschen Wein verzehrt, pro Flasche 6 Sgr. 0.18.0 Taler „

 

Da ja nur Ausgaben auf dieser Seite verzeichnet sind, findet sich keinerlei Hinweis, in welchem Zustand der Maler Schmitz nach Düssseldorf zurückfuhr.

Bei drei Flaschen bleibt es jedem freigestellt, über mögliche Konzentrationsmängel nachzudenken. So hatte denn nicht ganz ein Jahr nach der Gründung der Junggesellenverein Scheuren seine Fahne, und wir dürfen davon ausgehen, daß diese dann zur Kirmes in Scheuren geweiht wurde, denn im Verkündigungsbuch der Pfarre St. Pantaleon zu Unkel ist unter Sonntag, dem 02. Juli 1857, vermerkt:

 

„morgen 10.00 h Hochamt für den Junggesellenverein Scheuren“

 

und die nächste Eintragung in eben diesem Verkündigungsbuch enthielt dann doch eine Überraschung  für mich:

 

„Dienstag 10.00 h Hochamt für den Jungfrauenverein daselbst.“

 

Wo allerdings Mitgliedsliste oder ein Kassenbuch dieses Vereines geblieben sein könnte, ist zur Zeit, wo dieser Bericht geschrieben wird, nicht bekannt.

Bekannt werden allerdings andere Einnahmequellen des Junggesellenvereines – allein im Jahre 1857 waren es dreimal „Brautgeschenke“ von Auswärtigen, das heißt im Falle des Heinrich Neunkirchen, der am 25. Januar Sibilla Rederscheid aus Scheuren freite, müssen 20 Silbergroschen aus Rheinbreitbach in die Kasse des Junggesellenvereines geflossen sein.

Im Falle Joseph Mohr aus Unkel waren es 3 Taler, im Falle Wilhelm Weingartz aus Rheinbreitbach 15 Silbergroschen und im Falle Peter Antweiler 15 Silbergroschen.

Eine feste Begrenzung des Preises für das Eingeständnis, eine Scheurener Jungfrau heiraten zu dürfen, läßt sich allerdings in den folgenden Jahren dann auch nicht erkennen.

So lassen sich beim Durchblättern und Nachlesen der Eintragungen in den Einnahmen- und Ausgabenspalten des Kassenbuches gewisse Regelmäßigkeiten feststellen. Die Auswärtigen wurden zur Kasse gebeten, wenn sie eine Jungfrau aus Scheuren begehrten.

Jahresbeiträge wurden ehrlich und gewissenhaft, ebenso wie die Eintrittsgelder, bei Eintritt in den Verein erhoben.

Und so fallen denn Beträge und Eintragungen wie „von dem hiesigen hochlöblichen Jungfrauenverein, zu einem neuen Fähnrichshut beigetragen: zu 7 1/2 Sgr, in Summa 5.20.6 Taler“ oder auch an Messegelder „heute, 05. Juli 1858, von 25 Mitgliedern, zu 10 Silber, gesamt 8.10.0 Taler“ ins Auge und zeigen die weiteren Möglichkeiten von Vereinseinnahmen auf.

 

Über den Verlauf eines Jahres gibt dann der Vergleich der Ausgaben mehrerer Jahre einen nachvollziehbaren Aussagewert. Höhepunkt eines Jahres ist und bleibt die Kirmes, und da sind es sehr viele, die vom Junggesellenverein Geld für irgendwelche Dienste erhalten:

Messegeld an den Pastor für das Hochamt, dem Küster, den Musikern, den Balgschlägern – bei den alten Orgeln mußte der Blasebalg geschlagen oder auch getreten werden – dem Konstabler und nicht zu vergessen, das Pulver zum Schießen.

All dies findet man mit schöner Regelmäßigkeit Jahr für Jahr wieder. Genauso die Ausgabe für Wein; manches Mal in Flaschen, dann in Quart oder auch als 1/2 Ohm bemessen.

 

Und dabei muß man dann die metrische Bezeichnung suchen. Ein Ohm läßt sich mit 130–160 Liter umrechnen, und ein Quart ist halt ein viertel davon. Also reingespuckt – nein reingespuckt haben die früher dann auch nicht. Und er scheint bei all den normalen Abläufen attraktiv gewesen zu sein, dieser Junggesellenverein Scheuren, da schon in den ersten Jahren seines Bestehens Auswärtige – wenn auch „unvollständige“ – Mitglieder wurden.

So findet man bereits bei den Eintragungen von 1859 die Namen:

„Heinrich Ehlen aus Leubsdorf“ – eine Familie gleichen Namens lebt immer noch dort, sowie „Peter Kruft/Knecht“.

Eintragungen berichten über Brautgeschenke und Verehelichungen und neue Mitglieder.

 

So vergeht Jahr um Jahr.

Was allerdings Aufschluß über den Zusammenhalt dieser Gemeinschaft ganz deutlich gibt, ist der Eintrag von 1866, Juli, 09., „den Brüdern Joseph und Wilhelm Schreiner, welche zur Fahne einberufen, als Kirmesgeschenk pro Mann 1 Thl“. Ein Tagesverdienst aus der Kasse, um als einkommensloses Mitglied die Kirmes gebührend mit feiern zu können. War dies einer der Gründe, die den Junggesellenverein Scheuren auch für Auswärtige so attraktiv machten?

Aber nicht nur den Lebenden, nein auch den Toten galt außer der Verpflichtung, mit dem Begräbnis zu gehen und für den Toten zu beten, eine nach außen hin gezeigte Anteilnahme.

„1871, Januar, 9: Bei dem Traueramt unseres verstorbenen Mitbruders Anton Mohr für Pulver und Konstabler 28 Sgr.“ Ausweislich der Eintragungen in das „liber mortuorum“ – das Totenbuch unserer Pfarre St. Pantaleon – war dieser Joseph Anton Mohr am 16.11.1870 im Feldlazarett vor Paris am Typhus verstorben.

Dieses „liber mortuorum“ war noch für weitere Recherche über Angaben zum Ersten Weltkrieg eine ergiebige Quelle. Doch es soll nicht vorgegriffen werden. Über die Jahre hindurch kommen und gehen die Namen der Mitglieder – viele sind noch gut vertraut, andere hier in Scheuren ausgestorben.

Ein gutes Beispiel für diese Vertrautheit soll die Doppelseite des Jahres 1874 sein – ein „who is who“ einer Zeit, die im Rückblick leicht verklärt, als die gute alte Zeit betrachtet wird.

Die Siege von 1864, 1866 und 1870/71 hatten ein Kaiserreich gebracht, das von den Preußen – also dem Souverän der eigenen Gemarkung – beherrscht und wo nicht direkt beherrscht wurde, dann doch stark beeinflußt. Selbst der bayrische König Ludwig wurde aus dem bismarckschen Reptilienfonds unterstützt.

Böse Zungen behaupten, daß dieses Geld nicht nur in seine baulichen Extravaganzen floß. Aber die durchaus fortschrittliche Arbeits- und Sozialpolitik unter der Federführung Preußens hatte einen allgemein als gut geltenden Lebensstandard – und das eher im ländlichen Raum als in den Ballungsgebieten wie Berlin, dem Ruhrgebiet, den schlesischen Schwerindustriezonen – ermöglicht und gesichert.

In diesen Jahren bis 1914 war dann auch ein Wachsen des Kassenbestandes im Junggesellenverein Scheuren möglich und ist heute noch nachzulesen. Im Drei-Kaiser-Jahr 1888 schloß zum Beispiel die Kasse mit einem Kassenbestand von Reichsmark 68,44. Ein schönes Stück Geld für diese Zeit.

Als Kassenprüfer zeichneten Jos. Schreiner und Egidius Waldorf. Familiennamen, die noch gut bekannt sind.

Mit dem Jahr 1889 beginnt das zweite Kassenbuch – bezeichnenderweise mit dem Eintrag „Angefangen mit Gott am 1. Mai 1889.“ Und daß die Feier des 1. Maies schon damals mit ein wenig Weinverzehr verbunden war, beweist die Ausgabe in Höhe von RM 30,—; dies alleine sagt nicht viel über die Menge aus. Nur der Vergleich mit dem Eintrag darunter „Für die Musikanten RM 16,—“ läßt vermuten, daß keiner der ausgewiesenen 35 Mitglieder durstig die Maifeier verlassen hat.

Und so kann man weiter Jahr um Jahr mit einer Regelmäßigkeit wiederkehrende Ereignisse im Junggesellenverein Scheuren nachvollziehen. Noch immer galt der „Hochwohllöblich Spruch“ von 1750 mit dem einem Ortsfremden ein Brautgeschenk abgedungen wurde. So waren es 1892 5 Brautgeschenke, die insgesamt 4 x 3 RM und einmal RM 2,50 also 14,50 RM erbrachten. Wieso die 5. Braut um RM 0,50 billiger an den Mann kam, ist allerdings nicht erwähnt.

Erwähnt sind Einnahmen als Fahnengeld und unter „Anotation der Auslagen am 1. Mai 1893“ erscheint „für neue Fahne angezahlt laut Rechnung M 300. Darauf bezahlt 250 M verbleibt noch 50 M“. Ein genaues Hinsehen auf die nächsten Einträge sagt einiges:

 

Reisekosten und sonstige Auslagen wegen

der Fahne M 8

Für die Musikanten M 35

Wirt Bösberg für Wein M 45

dem Herrn Pastor für das Hochamt M 6

dem Tambour M 3

––––––

Summa M 347

Kassenbestand M 377,10

Summa der Auslagen M 347,—

Bleibt Kassenbestand M 30,10

 

Also hätte in dem 93er Jahr der Kassenbestand durchaus gereicht, wenn da nicht der Wein gewesen wäre, der dann zur Kirmes bei Wirt Arnsberg bereits für 58 RM floß, aber da waren noch die regelmäßigen Beiträge zur Fahnenkasse und bereits am 11. November 1893 heißt es:

 

„den noch restirenden Betrag für die neue Fahne an Herrn W. Mayer, Coblenz Metternich ausbezahlt nebst Porto M 50,20.“

 

Welche Zeiten, in denen die „ReichpostPreußische Post“ für 0,20 Pfennig noch Geld von Unkel nach Koblenz beförderte.

 

Ein neues Jahrhundert

Wiederum ist es der Gleichklang der Einnahmen und Ausgaben, der von einem steten Wachsen und Gedeihen des Vereines erzählt. So sind über den Wechsel des Jahrhunderts hinweg keine besonders wichtigen Ereignisse zu erlesen. Lediglich die Mitgliederzahl sinkt auf ca. 20. Aber sie steigt bis auf 28 im Jahre 1904; dann allerdings sind 3 Mitglieder von der Beitragspflicht entbunden – sie sind Soldat.
Eigentlich waren sie recht brav, die da um 1900 im Junggesellenverein waren und feierten. Nicht immer, denn der Eintrag von 1906 beweist ein nicht ganz gesetzestreues Vorgehen:

 

„Protokoll wegen Überschreitung der polizeilichen Vorschriften durch Einholen von Tanzgeld 72 M 40“.

 

Das muß weh getan haben, denn es waren nur „63 M 41 an Tanzgeld“ erhoben worden. Aber nachgetragen haben sie es dann dem Hauptmann Heinrich Müller nicht, auch in den Jahren 1907, 08 und 1909 heißt der Hauptmann weiterhin Heinrich Müller.

Solche Eingriffe der Obrigkeit in das Vereinsgeschehen sind nur sehr selten nachzulesen, was den Verein allerdings in den Bankrott – also ins Schuldenmachen trieb, war der Erste Weltkrieg. Doch es soll der Reihe nach berichtet werden.

 

Am 9. September 1913 übernahm Johann Müller die Kasse mit einem Bestand von 88,41 Mark. Und obwohl dem Turnverein „Vater Jahn“ in Unkel nach Vereinsbeschluß eine Spende von 50,— Mark übergeben worden war, brachte ein Herbstball durch Beitrag des Jungfrauenvereines, an Eintrittsgeld und Tanzgeld – jetzt ohne Strafe erhoben – einen Gewinn, und das Jahr 1913 schließt mit einem Überschuß von 74,51 Mark.

Zur Maifeier 1914 zahlt der Verein ein 50-Liter-Faß Bier – 15 Mark – dies ist ein wunderbarer Vergleichspunkt, denn die Bierpreise heute kennt jeder – der Literpreis von 1914 allerdings in Höhe von 30 Pfennig läßt einen heute träumen. Nur zum Träumen war damals die falsche Zeit, denn obwohl am 5.,6., und 7. Juli noch kräftig Kirmes gefeiert wurde, geriet Deutschland mit den Kriegserklärungen vom 1. August an Rußland, das Serbien unterstütze, und vom 3. August an Frankreich, das noch an seiner Niederlage von 70/71 litt, in den Sog des Krieges, der immer weiter ausuferte und sich zum 1. Weltkrieg entwickelte.

Mit roter Tinte steht quer über dem Spaltenbau der Seite 211 des Kassenbuches:

 

„Am 1ten August 1914 trat der Krieg ein.“

 

Der nächste Eintrag ist dann auch von großem Interesse:

 

1914 Sept 1 Zum Zwecke der Verpflegung der Verwundeten wurde in Unkel ein Hilfs-Verein vom Roten Kreuz gegründet

An einmaligem Beitrag an d. Verein 20.00

” jährlichem Beitrag 1.50

Und dann beweist sich die Treue der Junggesellen ihren im Felde stehenden Kameraden gegenüber:

Kriegsjahr Feldpostpakete an die im Felde 1914 stehenden Mitglieder Beschluß v. 29/9.14 Oktober 8.

Rechnung Georg Wingen 4.40

Rechnung Severin Schreiner 5.20

Rechnung Joh. Jos. Schreiner 5.60

Portokosten pp. 11 Pakete 2.20

——————–

Summa 17.40

 

Am Februar 1914 sind es 14 Pakete, die einen Aufwand von 22.00 Mark nachweisen.

Von seiten der Mitglieder wurden für diesen Zweck dann noch 14.25 Mark aufgebracht. So schließt die Seite 212 mit einem Kassenbestand am 10.02.1915 mit 13.50 Mark.

Am 14. Mai 1915 übergibt der Kassierer Johann Müller, der auch noch den Posten des Schriftführers ab dem 9ten September 1913 innehatte, die Kasse mit einem Bestand von 13,50 M an Carl Schreiner.

 

Bei der „Controlle der Mitglieder am 1. April 1916“ vermerkt der Beitragsbuchführende – es ist eine andere Handschrift als die des Carl Schreiner – hinter dem Namen des als Nummer 6 aufgeführten Mitgliedes Müller Johann „gef. a. d. Felde der Ehre“. Dieses „Feld der Ehre“, auf dem nicht nur die Blüte Deutschlands verblutete, lag für Johann Müller in Wilna, wo er am 29.09.1915 fiel.

Wenn man eine dreimonatige infanteristische Ausbildung zu Grunde legt, blieb dem Soldaten nicht ganz ein Monat Zeit im Kriegseinsatz.

Der fand für die Mitglieder des Junggesellenvereines, die wohl meist zu Koblenzer Regimentern eingezogen wurden, nicht nur an der Ostfront blutig statt, wo in Lepowo/Rußland als erster aus Scheuren Jakob Weingartz am 15. 07. 1915 fiel, sondern auch an der Westfront, wo kurz vor Ende noch am 23.08.1918 Josef Niedecken bei der Sommeschlacht von 1918 bei Harleville fiel.

Und so heißt dann auch der Eintrag Soldat zunächst nur Beitragsfreiheit, aber auch daß es für weitere 19 von 42 Mitgliedern möglich war, den Krieg trotz der menschenverachtenden Bitternis, mit der er geführt wurde, zu überleben.

 

Überlebt hat der Kassenbestand des Vereines diese Zeit nicht. Es wurden nur freiwillige Beiträge geleistet und weiter Feldpostpakete an die Soldaten geschickt. Am 2. April 1916 beträgt der Kassenbestand noch ganze 5,— M. Und davon gehen „Auslage für eine hl. Messe unseres auf d. F. d. Ehre gefallenen Kameraden J. Niedecken 3,50 Mark“ ab. Und als am 14. Juni das Mitglied Gottfried Müller, das bereits in der Mitgliederliste vom 5.Juli 1914 als wegen Krankheit beitragsfrei eingeschrieben ist, stirbt und am 3. Juli eine Kirmesmesse zu bezahlen ist, übersteigen die Kosten den Kassenbestand, und dem Kassierer Carl Schreiner, der eigentlich als Hauptmann gewählt worden war, bleibt nichts anderes übrig, als die Kasse aus eigener Tasche aufzufüllen.

 

Neuanfang 1918

Es sind 36 Mitglieder, die sich am 8.12.1918 an den Wiederaufbau des Vereines machen – und es sind echte Rheinländer, denen die notwendige Schlitzohrigkeit nachgesagt wird, die in einem solchen Moment weiterhilft.

Seite 219 des Kassenbuches II sei hier als Beweis zitiert:

 

„Dez 29. Einnahme an Eintrittsgeld für Heimkehrerfeier mit Ball Mark 143,50

Einnahme an Tanzgeld Mark 29,40

Ausgabe für 3 Mann Musik Mark 45,—

Kassenbestand am 31.12.1918

Mk 137,70“

 

Einige Neuaufnahmen hatten zusätzliches Geld in die Kasse gebracht.
Und so gehen wieder Jahre des ruhigen Vereinslebens ins Land – bei der Maifeier 1919 werden schon 160 l Bier verbraucht – der Liter allerdings schon zu 0,75 M. Es wird Kirmes gefeiert mit 6 Mann Musik, die 660,— M kosten, und es erscheint zum ersten Male die Erfindung der Nachkriegszeit – die Lustbarkeitssteuer.

1919 zwar erst 51 M, Kirmes 1920 kostet die Lust dann schon 151,— M und dann bereits zur Kirmes 1926 ganze 227,80 Lustbarkeitssteuer.
Aber gefeiert wurde auch weiterhin, trotz – oder gerade wegen der Schwierigkeiten.
Die Zusammenarbeit mit den anderen Vereinen, die noch größere Schwierigkeiten zu haben schienen, wird auch in diesem Kassenbuch dokumentiert. Bereits 1919, August, 30. erscheint der Eintrag:

 

„Dem Turnverein Vater Jahn der Erlös vom Sommerfest = 83,50 M überwiesen.“

 

Und „1921, Febr. 10.“ laut Rechnung an Theaterrollen MK 39,—“ schlagen halt diese Theaterrollen zu Buche und finden ihre Erklärung unter einer ganz interessanten Abrechnung.
Diese führt als Auslagen die Posten: Steuer, Theaterrollen, Musik, Friseur Muss, Plakate – Programm, für Costüme, Fahrtunkosten, Schreibunkosten und weist insgesamt 480,— Mark aus. Allerdings sind dann da die drei nächsten Zeilen:

 

„Einnahme an Entree und Programm einschließlich 68,50 Mk aus der Kindervorstellung 1188,90 Mark“.

Diese Abrechnung hat den Titel:

„1921, Febr. 27“ Theaterabend am 27.02.21 und endet mit dem Satz: „Der Reingewinn im Betrage von 708,— MK fällt zu 1/3 dem Junggesellenverein zu.“

Und weiter heißt es:

Turn-Verein Vater Jahn erhielt Mk 236,—

Der Spielervereinigung ausgezahlt Mk 236,—

Der Theaterabend II am 6.März 1921 bringt dann 317,60 Mk Kosten und 1194,— Mk an Einnahmen.

„Reinertrag 876,40 Mk, 600 Mk zum besten der Unkeler Kirchenglocken an Herrn Pfarrer Schwamborn überwiesen. Für die Spielervereinigung Mk 276,—“.

In diesem März, allerdings am 20., wird die Gründung einer Fahnenkasse beschlossen, die als Grundlage 200,— Mk aus der Geschäftskasse erhält.

Aber es sind nicht nur die großen Beträge, die viel von der Gesinnung nachvollziehen lassen, die in diesen Nachkriegsjahren dem Verein zur neuen Blüte verhelfen konnte. Wie denken Sie, der sich bis hierhin durchgelesen hat, über den jetzt zitierten Eintrag vom 6. Febr. 1920:

 

„Unser Mitglied Heinr. Thelen ist aus der franz. Gefangenschaft zurückgekehrt und hat aus Anlass des Empfanges von Seiten des Vereines diesem Mk 50,— geschenkt.“ 

 

Wie denken Sie darüber?

Es scheint wirklich so, daß dieser Junggesellenverein für seine Mitglieder nicht nur ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert war, sondern eine lebendige Gemeinschaft darstellte, für die man gerne bereit war, die eine oder andere Stunde – Theaterspielen geht nicht so ganz ohne Proben – zu opfern oder sich weit über das normale Maß hinaus finanziell zu engagieren.

Anders kann ich mir die hier aufgezeigten Zahlen nicht erklären.

Die beiden letzten noch erhaltenen Seiten des Kassenbuches II beweisen etwas die Orts- und Geschäftstreue des Junggesellenvereines sowie des Vereinswirtes, der mit Christian Mürl zeichnet – ein Vertrag 1909 ausgehandelt, erfährt nur eine Änderung für 1910. Die Verpflegung der Musikanten – und hier sind nur die Getränke genannt – wird um 10,— MK teurer.

1911, 1912, 1913 und 1914 heißt es so wohlklingend vertraut:

 

„Für das Jahr … bleibt es wie im letzten Jahr“

 

Wenig vertraut sind dann allerdings die Zahlen, von denen in den Jahren 1922 und 1923 zu berichten ist. So betrug die Lustbarkeitssteuer des Herbstfestes von 1923 2.600 000,— Mark bei einem Gesamterlös von 72.187.700,— Mark. Die beiden Musiker waren nach dem Herbstfest mehrfache Millionäre – immerhin betrug ihr Honorar 44.100.000,— Mark.

Und der Kassenbestand sah dann Ende 1923 einen Überschuß von 10.740.000 Mark. Dann allerdings erscheint der böse Satz:

 

„Infolge der rapiden Geldentwertung letzter Zeit 1 Billion = 1 Goldmark 10.740.000 Mark = 0“;

 

was nichts anderes heißt, als daß der Verein nach 7 Jahren zum zweiten Male vor dem Nichts stand.

 

Neuanfang 1924

Aber was beim ersten Kassencrash geholfen hatte, half auch beim zweiten Crash. Am 1.1.1924 wurde ein Ball veranstaltet und als Einnahme zählten Tanzgeld 73,65 und Mitgliedsbeiträge 7,—, also insgesamt 80,65 Mark, die fast ganz für Lustbarkeitssteuer 38,65, Stempelsteuer 3,—, 2 Mann Musik 18,— und Tanzkarten 1,50 draufgingen – aber es blieben 19,50 Mark in der Kasse übrig.

Ein kleiner Anfang, aber auf ihn ließ sich aufbauen, und bei 1,— Mark Jahresbeitrag von den Mitgliedern ließ es sich starten. So ist aus dem Kassenbuch III dann weiter zu entnehmen, daß dies die Zeit war, in der Waldorf, Heinrich als Schwenkfähnrich gewählt worden war. Ihm gelang es, einige große Preisfähndelschwenken zu gewinnen, ja er soll in Köln-Deutz im Jahr 1926 Rheinland-Meister der Schwenkfähnriche geworden sein – allerdings wurde mir auch von einer Quelle das Jahr 1925 benannt.

Und trotz der Tatsache, daß es immer wieder die Lustbarkeitssteuer war, die einen großen Anteil der Kosten ausmachte, ist wieder ein Aufbau und ein Bewahren aus den genannten Kosten nachzulesen.

Da werden neue Federbuschen gekauft, Hüte repariert, die Schwenkfahne erhält einen Überzug, eine neue Schärpe für den Schwenkfähnrich. All dies ist getreulich vermerkt. Aber ebenso getreulich ist auch ein anderes Bild gezeichnet, und ich darf aus Seite 29 zitieren:

 

1925, Mai, 24 Beerdigung des Mitgliedes Fritz Dubler

6 Mann Musik 30,— Mark

2 Mann Tambourmusik 5,— Mark

Kranz 7,— Mark

Schleife 2,— Mark

” aufdrucken 2,— Mark

 

Aber da ein Protokollbuch aus dieser Zeit bislang noch nicht aufgefunden wurde, obwohl laut Kassenbuch ab und zu Protokollbücher angeschafft wurden, sind wir auf Vermutungen oder Erzählungen angewiesen. Welch dankbares Feld für einen Stadtchronisten.!!!

Am 8. Januar 1926 war es dann das Mitglied Otto Dung, das mit demselben Aufwand an Musik und Kranz mit Schleife zu Grabe getragen wurde. Aufwand wurde auch getrieben, wenn eines der Mitglieder heiratete. So läßt sich dies am Beispiel des Chr. Mürl vom 18. November 1926 nachweisen. Ein Glückwunschtelegramm für 1,50 Mark und unter dem 14. Januar des Folgejahres lt. Rechnung von J. Heinen, Unkel, 2 Nachttischlampen f. Chr. Mürl. Gewiß, der Preis ist auch im Kassenbuch zu finden, aber da noch lebende Scheurener diese Lampen kennen könnten, soll der Preis hier fehlen.

Verschwiegen werden soll allerdings nicht die Tatsache, daß 1930 ein Stiftungsfest gefeiert wurde – Beweis genug sind die Ausgaben, die unter Auslagen am Stiftungsfest unter dem 12. Oktober zu finden sind. 1.000 Tanzkarten, 200 Einladungskarten, Musikkosten – und wie in vielen Jahren zuvor taucht der Name Jakob Pertzborn auf – und dann wieder diese Lustbarkeitssteuer.

Und eine Zahl sei noch aus diesem Jahre genannt:

 

„Uniform für Schwenkfähnrich und Mütze 65,— Mark“

Aber wenn man sie sucht, weitere Theaterabende, die doch dem Junggesellenverein geholfen hatten, finden sie sich nicht wieder in den Einnahmen.

Die im Kassenbuch genannte Spielergemeinschaft hatte sich als „Nordsterne“ verselbständigt, wurde dann irgendwann die „Fidelen Nordsterne“ und läuft heute – bzw. die Nachfolger – in Blau und Rot herum und nennt sich KG Unkel. Nur daß der Junggesellenverein Scheuren Gehhilfe geleistet hat, ist wohl kaum mehr bekannt.


So vergehen Blatt um Blatt die Jahre, und bis 1939 ist ein weiteres Bewahren und Neuanschaffen zu erkennen. Den letzten ausgewiesenen Saldo vom 15.03.40 in Höhe von Mark 42,73 findet man bei dem neuen Datum 1. Juli 1946 wieder.

 

Neuanfang 1946

Dazwischen fehlen Angaben – nur ein Eintrag ist nachzulesen und da er so tröstlich ist, sei er hier zitiert:

 

„Der Betrag von Rm 42,73 (zweiundvierzig 73/100) konnte nach Aufnahme der Vereinstätigkeit im Jahre 1946 noch übernommen werden. Während der Kriegsjahre 1940–1945 ruhte die Tätigkeit des Junggesellen Vereins Scheuren gänzlich.“

 

Nachdem im Jahre 1946 der größte Teil der Scheurener Jungen bzw. Junggesellen wieder in der Heimat waren, konnte der Verein erstmals zur Scheurener Kirmes am 7. Juli 1946 in sehr bescheidenem Rahmen und unter den z. Zt. bestehenden Voraussetzungen die Kirmesfeier gestalten.

Der Kassierer: Anton Müller

Und wieder wurde aufgebaut und in die Kasse gesorgt, so daß der Saldo am 20. Juni 1948 einen Bestand von 401,88 aufweist. Nur die waren am Tag danach dann 40,18 Deutsche Mark wert. Und so läßt sich die Ausgabe der Rentenmark an die Bonner Fahnenfabrik für die neue Schwenkfahne bereits im Jahr 1947 von 460,— als weise bezeichnen.

Aber es ging dann aufwärts mit dem Verein, auch wenn Ausgaben wie

 

„1949, 29. Mai, 6 Fragebogen (politisch) Vereinsanmeldung DM 1,50“

 

heute nur noch schwer nachzuvollziehen sind.

Nachzuvollziehen ist allerdings die Lust an einem Ahrtalbesuch, der 1950 bewiesen ist. Die Lust an der Jungesellentour Maischoß/Altenahr belastete die Kasse mit 200,— DM. Und es sind wieder die altbekannten, vertrauten Aufwendungen wie:

 

„Fuhrwerk für Maibaumholen, Pechfackeln für den Kirmesfestzug, Zuschuß für den König, Getränke am Vorstandstisch“. Luftgewehrmunition zum Königsschießen, etliche Ersatzteile für Uniformen und 1953 überragt der Kostenpunkt: Ausflug nach Lindenberg mit Eintritt ins Weindorf.

 

Natürlich wird dies bezahlt, und so hatte der Verein Glück, Spender zu finden, die den Verein Jahr für Jahr unterstützten. Herr Pfarrer Kremer, Herr Dr. Jülich, Herr Schülgen, Herr Mürl und nicht zuletzt Frl. Chr. Müller. Die Liste ändert dann Namen, wenn der Pfarrer wechselte.  1959 werden Pfarrer Brauns und Kaplan Adenauer genannt. Und ab 1960 taucht die Stadt Unkel als Spender auf – und das hält sie bis heute bei.

Beibehalten haben die Junggesellen die Tradition, Kirmes zu feiern – auch wenn sich das äußere Bild am Kirmesdienstag nicht mehr halten ließ. Beibehalten haben sie das Maibaumholen, und Beibehalten haben sie das Zusammenarbeiten und -feiern, auch außerhalb vorgegebener Termine.

Und wenn ich am Schluß ihnen einen Wunsch zu ihrem 140jährigen selbständigen Bestehen mitgeben darf, so ist dies der Wunsch, daß es immer wieder Junggesellen in Scheuren geben soll, die die Kraft finden, neu anzufangen, wenn es auch bei null wiederum losgehen muß. So wie es zu den verschiedensten Zeiten Junggesellen gab, die mit dieser Herausforderung Kraft fanden und den Verein dahin führten, wo er heute ist.

 

Scheuren im April 1996

Heribert Selzer

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