Das ehemalige Weingut Stumpf hat eine wechselvolle Geschichte

stumpf3Das Anwesen des ehemaligen Weingutes Stumpf gehört zu den ältesten Gebäuden in Scheuren. Mit der wechselvollen Geschichte des Hofes hat sich Angelika Höhl mehrere Jahre befasst. Sie ist eine Nachfahrin der früheren Bewohner und die Schwester von Marcus Römer, der heute mit seiner Familie in dem ehemaligen Weingut lebt.

Auf Einladung des Unkeler Geschichtsvereins hielt Höhl im malerischen Innenhof des Anwesens einen Vortrag über ihre Recherchen, zu dem viele interessierte Gäste kamen. Höhl zeichnete in Wort und Bild die Geschichte des Weingutes, seine Eigentumsänderungen und daraus resultierende architektonische Veränderungen nach. Die überlieferten Schriftstücke ihrer Familie hätten ihr bei der Erforschung des ehemaligen Weingutes sehr geholfen. „Dank an den Vereinsvorsitzenden Dr. Piet Bovy, der Hilfe geleistet hat sowie an Marcus und Petra Römer, die als Gastgeber Vorbereitungen getroffen haben“, sagte Höhl.

Bevor sie mit dem Einblick in die Scheurener Geschichte startete, versorgten sich die Gäste mit einem Gläschen Wein oder anderen, erfrischenden Getränken, die im idyllischen Innenhof angeboten wurden. Kann man sich vorstellen, dass in Sichtweite Scheurens einmal der Rhein floss? Das bejahte Höhl und lieferte gleich die Begründung: Tatsächlich lag das Hauptbett des Stroms zwischen dem Ort Scheuren und den erhöhten Teilen von Unkel, das eine Insel darstellte. stumpf1Durch Klimaveränderungen gelang es dem Rhein schätzungsweise im 6. Jahr-hundert nach Christus, einen Durchbruch am linken Rheinufer zu schaffen, während der Rheinarm zwischen Unkel und dem heutigen Erpel zugeschottet wurde. Der tote Rheinarm zwischen dem heutigen Unkel und Scheuren sei zuerst als Hafen genutzt worden, bis dieser verlandete. „So ist es nicht verwunderlich, dass Unkel in seiner ersten Erwähnung als Besitztum der Abtei Prüm in Zusammenhang mit den linksrheinischen Städten Remagen und Oberwinter genannt wurde“, erklärte Höhl. Scheuren sei erstmals 1286 im Rahmen eines Gerichtsstreits um ein Haus schriftlich genannt worden, doch manche Historiker vermuteten, dass der Ort zu dieser Zeit schon lange existierte. Nach einem Exkurs in die Scheurener Dorfgeschichte konzentrierte sich Höhl auf die Historie des Weingutes. „Ein Bauwerk auf dem Grundstück des Weinguts Römer-Stumpf lässt sich im Jahr 1572 nachweisen: Im Schlussstein des Gewölbeeingangs zum Weinkeller ist die Jahreszahl 1575 zusammen mit einem Hauszeichen und den Initialen H.G. eingemeißelt. Recherchen in dem Unkeler Archiv wurden von Herrn Vollmer durchgeführt. Er ermittelte als höchst wahrscheinlichen Bauherrn einen Hilger Goden, der im Jahr 1600/01 Bürgermeister von Scheuren war.“Aufmerksam lauschten ihre Zuhörer, als Höhl zunächst von den älteren Gebäuden des Anwesens, also von dem Haus direkt an der Scheurener Straße, der „Schmiede“ und dem um 1650 entstandenen Hinterhaus erzählte. „Gefundene Dokumente lassen vermuten, dass das Hinterhaus zunächst eine vollständig unabhängige Besitzeinheit gewesen ist“, sagte Höhl. Vermutlich habe ein Kölner Karmeliterorden das Haus von Hilger Goden in Besitz genommen. Weil Wein von hoher wirtschaftlicher Bedeutung war, hätten sich Klöster und Stifte gerne möglichst viele Gebiete in bevorzugten Weingegenden gesichert. Höhl nannte den Begriff des „Halbwinners“, der in Dokumenten immer wieder vorkam: Ein Winzer, der die Hälfte seines Ertrages als Pacht bezahlen musste. „So wird auch das Weingut Römer-Stumpf mit seinem großen Weinkeller genutzt worden sein.“ In dem Weingut fand Höhls Familie eine Karte, die auf eine Besitzübertragung der Karmelitergüter an die ursprünglich niederländische Familie de Bors um das Jahr 1747 schließen lässt. „Schätzungen anhand der Bausubstanz besagen, dass Wirtschaftshaus, Sommerhaus und Scheune etwa 1750 erbaut wurden.“ Um diese Gebäude hatte die Familie de Bors ihr erworbenes Anwesen erweitert.

Mit dem Einfall französischer Truppen kam der Weinhandel mit Köln zum Erliegen, auch die Bevölkerung in Scheuren geriet in große Not. 1803 gelangten Unkel und Scheuren in den Besitz des Herzogtums Nassau-Usingen, später wurde es dem Königreich Preußen zugesprochen. Als Mitgift brachte Anna Maria de Bors das Scheurener Weingut in die Familie von Wilhelm Josef Kaldenberg mit. Dieser verkaufte das Weingut 1815 an den Kölner Priester Bernard Claren, der es später seinem in Köln lebenden Patenkind Dr. Bernhard Elkendorf übergab. „Bernard Claren war der erste Besitzer des Hofes, der zu der Familie der jetzigen Eigentümer gezählt werden kann“, sagte Höhl. Der Stadtphysikus Elkendorf habe das Objekt für offizielle Anlässe genutzt. Am Ende eines gesellschaftlichen Abends sei es ein Genuss für die Gäste gewesen, „mit dem Kahn stromabwärts wieder nach Köln zu fahren“, zitierte Höhl die Historikerin Becker-Jakli, die sich ebenfalls mit dem Thema befasste. „Solche Schiffsfahrten waren mit dem aufkommenden Tourismus zu Elkendorfs Zeiten in Mode gekommen und ein Linienbetrieb zwischen Köln und Mainz eingerichtet worden“, wusste Höhl.stumpf2 Elkendorf kaufte die angrenzenden Gebäude Hinterhaus und Backhaus hinzu. Das Gut ging nach seinem Tod an seine Schwester Margarethe Theresia, dann an seine Schwester Maria Anna und anschließend deren Sohn Dr. Franz Backes über, der den Pachtvertrag mit „Halbwinzer“ Heinrich Josef Müller zur weiteren Nutzung des Gutes fortsetzte. Der ledig gebliebene Backes übergab den Hof seinem Schwager Carl Stumpf, der in Köln mit Sibille Backes verheiratet war. „Carl Stumpfs Sohn Carl Ferdinand Stumpf ist der erste der Familie, der ganz und dauerhaft auf dem Hof lebte und dessen Lebensmittelpunkt in Scheuren und Unkel lag“, wusste Höhl: „Die meisten gefundenen Schriftstücke zeugen von seiner Tätigkeit als Winzer. Die Glocke, die heute noch das Sommerhaus ziert, diente dazu, die Arbeiter in den Weinbergen über die Zeit zu informieren oder sie zur Rückkehr zu rufen“. Carl Ferdinand Stumpf verfolgte den Bau der ersten Wasserleitung, Gründung des St. Josephs-Bürgervereins und die einvernehmliche Vereinigung von Scheuren und Unkel (1907). „Der Weinbau war auf dem Rückzug. Die Preußische Regierung hatte schon bei geeigneten Feldern den Anbau von Lebensmitteln statt Wein angeordnet. Dies wurde aber nur zögerlich umgesetzt. Schließlich ausschlaggebend wurde im ausgehenden 19. Jahrhundert die wachsende Konkurrenz aus dem Ausland.“ Nach dem Tod Carl Ferdinand Stumpfs (1930) und seiner Frau Adele (1923) waren mittlerweile viele Weinberge veräußert und der Hof in die Verwaltung ihres Lieblingsneffen Franz Schülgen übergegangen. „Er hatte viele Erhaltungs- und Renovierungsarbeiten durchzuführen, bis er in den Hof einziehen konnte.“

stumpf4Aus der Not des zweiten Weltkrieges, die die Familie mit anderen Scheurenern teilte, lebten zum Ende der Nazizeit zeitweise mehr als 30 Personen auf dem Hof. „Als Franz Schülgen 1961 starb, hinterließ er den Hof seiner Frau Margarete, die zwar nach Köln zu ihrer Tochter zog, den Hof aber noch bis 1975 verwaltete.“ Danach ging der Besitz auf Helga geborene Schülgen und ihrem Mann Horst Römer über. „Es war sein großes Anliegen, diesen historischen Hof zu erhalten, seine besondere Ausstrahlung zur Geltung zu bringen, aber dennoch seine technische und bauliche Ausstattung den modernen Erfordernissen anzupassen“, sprach Höhl von der großen finanziellen Herausforderung. „Heute liegt die Verwaltung in den Händen seines jüngsten Sohnes Marcus und seiner Frau Petra. Auch sie versuchen, den Hof in seiner besonderen Schönheit zu erhalten und wirtschaftlich weiter zu gestalten. Er ist gut in ihrer Obhut aufgehoben“, schloss Marcus Römers Schwester ihren Vortrag. Zur Abrundung der gelungenen Veranstaltung führte Höhl ihre Gäste über das Anwesen.

 

QUELLE: Wochen-Kurier

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